Wir halten ein Nokia 3310 in der Hand, eine Kollegin wartet auf Antwort, und wir tippen zum fünften Mal auf dieselbe Taste, weil statt einem "l" immer wieder ein "k" erscheint.
Irgendwann landet dann folgendes auf dem Display der Empfängerin:
„srry Akku leer txt u ltr"
Sechs Wörter, keine Grossbuchstaben, deutsche Wörter mitten im englischen Kauderwelsch – und trotzdem für jeden sofort klar, der damals ein Natel hatte. Willkommen im Jahr 2001.
Die SMS war der wichtigste mobile Kommunikationskanal der Schweiz – zuverlässig, kalkulierbar und günstig. Mobiles Internet war noch nicht weit verbreitet, WAP war langsam und wurde minutenweise abgerechnet. Die SMS dagegen kostete einen fixen Betrag pro Nachricht – egal wann sie ankam, egal wie stark das Netz gerade ausgelastet war.
Was vielen bis heute in Erinnerung geblieben ist: Schon das Schreiben selbst war Arbeit.
Die meisten Mobiltelefone nutzten eine Zifferntastatur mit Mehrfachbelegung – jede Taste mit drei oder vier Buchstaben belegt. Ein „c" erforderte drei Tastendrücke auf der Taste 2, das Wort „ciao" genau zehn. T9 existierte zwar bereits, hatte aber klare Grenzen: Eigennamen, Dialektwörter und Schweizerdeutsch – keine genormte Schriftsprache – lagen komplett ausserhalb seines Wortschatzes. Viele tippten deshalb lieber ohne. Manche auch, weil sie mit Multi-Tap schlicht schneller waren.
Auch auf Netzebene war die SMS ein Sonderfall. Sie nutzte Steuerkanal-Kapazitäten des GSM-Standards, die primär für den Gesprächsaufbau reserviert waren – und konkurrierte damit nicht mit laufenden Telefonaten um dieselben Ressourcen. Hinzu kam das sogenannte Store-and-Forward-Prinzip: War der Empfänger kurz nicht erreichbar, speicherte das Netz die Nachricht und versuchte die Zustellung so lange wiederholt, bis sie ankam. Das machte die SMS ausgesprochen robust – unabhängig davon, ob das Netz gerade ausgelastet war oder die Verbindung kurz schwächelte. Nicht immer sofort – wer Silvester 2000 erlebt hat, weiss, was Netzüberlastung bedeutet – aber sie kam meistens an.
Mobiles Internet hingegen war 2001 in der Schweiz noch eine andere Welt. Swisscom Mobile lancierte GPRS erst im Februar 2002 kommerziell. Bis dahin liefen Datenverbindungen über WAP auf leitungsvermittelter Basis – zeitbasiert abgerechnet, langsam, und mit dem berüchtigten Spitznamen „Wait And Pay" versehen. Wer versehentlich beim Navigieren im Menü den WAP-Button drückte, versuchte die sich aufbauende Verbindung schnellstmöglich wieder zu beenden.
Das erklärt, warum Nutzerinnen und Nutzer 2001 ganz bewusst zur SMS griffen. Sie war kalkulierbar, zuverlässig und funktionierte überall dort, wo Telefonie möglich war.
Genau in diesem Jahr – am 1. Oktober 2001 – entstand cablex als eigenständige Aktiengesellschaft aus der Netzbauabteilung der Swisscom Fixnet AG. Während die Schweiz per SMS kommunizierte und auf GPRS wartete, wurde im Hintergrund jene Infrastruktur aufgebaut und unterhalten, die den nächsten Schritt überhaupt erst ermöglichen würde.
Messenger-Dienste verdrängten die SMS nicht, weil sie cooler waren. Sie setzten sich durch, weil das Netz irgendwann bereit dafür war. Und dafür musste zuerst jemand bauen.
Die SMS-Ära zeigt eindrücklich: Technik formt Sprache. Und Netze bestimmen, wie wir kommunizieren.
Was das für Gemeinden und Unternehmen bedeutete: Mobile Kommunikation beschränkte sich auf Erreichbarkeit – nicht auf Datenzugriff. Geschäftsprozesse blieben vollständig an feste Arbeitsplätze und kabelgebundene Netze gebunden. Mobile Daten spielten weder organisatorisch noch technisch eine nennenswerte Rolle.